Epidemiologische Forschung

 

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Für eine gute Qualität der Krebsbehandlung

 

Dr. med. Andrea Bordoni, Krebsregister des Kantons Tessin

 

Wie gut ist meine Behandlung wirklich? Kann ich mich auf die Qualität verlassen? Und entspricht meine Therapie den neusten Standards? Diese Fragen stellen sich viele Krebspatienten. Studien helfen, die Behandlungsqualität zu messen, zu erhalten und zu verbessern.

 

In den letzten Jahren haben neue Erkenntnisse die Behandlung vieler Krebsarten verbessert. Doch deren Qualität ist nicht überall gleich gut, weil sich das neue Wissen nicht in allen Regionen gleich schnell verbreitet. Untersuchungen in den USA und in Europa haben gezeigt, dass regionale Qualitätsunterschiede bestehen. In der Schweiz gab es bisher nur wenige Studien, welche die Qualität von Krebstherapien bei breiten Bevölkerungsgruppen untersuchten.

 

Dr. med. Andrea Bordoni vom Krebsregister des Kantons Tessin will mit seinem Forschungsprojekt einen Beitrag zur Qualitätserfassung in der Krebsbehandlung leisten. Er möchte herausfinden, auf welche Weise und wie gut Patientinnen und Patienten mit Eierstock-, Gebärmutter-, Prostata- oder Darmkrebs behandelt werden. Dazu untersucht Bordonis Team die diagnostischen und therapeutischen Prozesse bei Menschen, die von 2011 bis 2013 im Tessin neu an den genannten Krebsarten erkranken. Zusätzlich legen drei Arbeitsgruppen, die aus Experten für die einzelnen Krebskrankheiten bestehen, Qualitätskriterien für die Behandlungen fest. In der Studie wird dann untersucht, ob diese Kriterien erreicht werden.

 

«Qualitätskontrollen sind in der Onkologie sehr wichtig», sagt Bordoni, «damit alle Patientinnen und Patienten die gleiche Chance auf Heilung haben – egal aus welcher Region sie stammen.» Mit dem Vergleich von Daten lässt sich die Behandlungsqualität in den einzelnen Regionen messen und vergleichen. Langfristiges Ziel ist, dadurch überall das höchste therapeutische Niveau zu erreichen. Das Forschungsprojekt beschränkt sich auf den Kanton Tessin. Bordoni möchte aber dazu beitragen, die Qualität der Krebstherapien in der ganzen Schweiz zu optimieren: «Wir hoffen, dass unser Tessiner Pilotprojekt Signalwirkung hat und dass sich auch in der restlichen Schweiz Qualitätsmessungen in der Onkologie etablieren, die sich auf Daten der Krebsregister stützen.»

 

 

Eine HIV-Infektion erhöht das Krebsrisiko

 

Dr. phil. Olivia Keiser, Institut für Sozial- und Präventivmedizin, Universität Bern

 

In der Schweiz leben immer mehr Menschen mit einer HIVInfektion. Dank den modernen Therapien erkranken nur noch wenige an Aids. Das beeinträchtigte Immunsystem erhöht aber das Risiko, dass HIVInfizierte an Krebs erkranken. Auch die verbesserte Lebenserwartung der Betroffenen steigert das Krebsrisiko.

 

Eine Infektion mit dem HI-Virus («Aids-Virus») schwächt das Immunsystem. Die verminderte Abwehrkraft des Körpers löst bei den betroffenen Patientinnen und Patienten Infektions- und Krebskrankheiten aus. Früher starben die meisten HIV-Infizierten deshalb innert weniger Jahre an Aids. Diese Situation hat sich glücklicherweise geändert. Die moderne HIV-Therapie mit einer Kombination verschiedener Medikamente verhindert, dass sich die HI-Viren vermehren. Die behandelten Patienten werden weniger krank und ihre Lebenserwartung hat sich massiv verbessert.

 

Das jahrelange Leben mit einem geschwächten Immunsystem hat aber dennoch Konsequenzen. Weil das Abwehrsystem bei der Kontrolle von krebserregenden Viren und Tumorzellen eine wichtige Rolle spielt, erkranken HIV-Infizierte häufiger an Krebs als gesunde Menschen. Ein Beispiel ist die Häufung von Leberkrebs wegen einer schlecht kontrollierten chronischen Infektion mit Hepatitis-B- oder -C-Viren.

 

Dr. phil. Olivia Keiser von der Universität Bern untersucht zusammen mit Vertretern der schweizerischen Krebsregister und Forschern der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon die Zusammenhänge zwischen HIV-Infektion, Alter und Krebs. Keisers Team analysiert Daten, die von den schweizerischen Krebsregistern und der Schweizerischen HIVKohortenstudie (SHCS) zusammengetragen werden. In der SHCS werden seit 1988 Daten zum Krankheitsverlauf von über 16 000 HIV-infizierten Menschen in der Schweiz gesammelt. Ziel ist, die Krankheit besser zu verstehen und die Behandlung der Patienten zu optimieren.

 

Die Ergebnisse von Olivia Keisers Studie sind für die zukünftige Betreuung von HIV-Infizierten wichtig: «Erst wenn wir wissen, welche Krebsarten bei HIV-Patienten gehäuft vorkommen und welche Risikofaktoren dafür bestehen, können wir bessere Vorbeugungsmassnahmen entwickeln.»

 

Krebs bei älteren Menschen

 

Prof. Dr. med. Matthias Egger, Departement für Sozial- und Präventivmedizin, Universität Bern

 

Immer mehr Menschen werden immer älter. Auch in der Schweiz wächst der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung kontinuierlich. Die Bedeutung von Krebs als Todesursache nimmt ebenfalls zu – denn die meisten Krebskrankheiten betreffen hauptsächlich ältere Personen. Prof. Dr. med. Matthias Egger fokussiert sein Forschungsprojekt deshalb auf Männer und Frauen im letzten Lebensdrittel.

 

In der epidemiologischen Forschung sind Menschen über 65 eine eher vernachlässigte Bevölkerungsgruppe. Dies will Prof. Matthias Egger mit seinem Projekt ändern. Im Zentrum seiner Forschungsarbeit stehen Fragen, die sich zur Krebssterblichkeit stellen: Welche Faktoren beeinflussen das Risiko, als älterer Mensch an Krebs zu sterben? Spielen das Geschlecht, der Wohnort oder die Bildung eine Rolle? Und welche Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Ernährung wirken sich auf das Sterberisiko aus?

 

Um Antworten darauf zu finden, braucht es umfangreiche Analysen einer riesigen Datenmenge. «Für unsere Studie verwenden wir unter anderem Daten der Volkszählungen aus den Jahren 1990 und 2000 sowie die Sterbedaten 1990 bis 2005», erläutert Matthias Egger. «Die Datenbank enthält Angaben zu fast sieben Millionen Menschen und zu rund 230000 Krebstodesfällen.» Zusätzlich werden die Erkenntnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 1992 verwendet: Damals fragte man über 15000 Personen nach ihren Einstellungen, ihrem Gesundheitszustand, ihrem Lebensstil usw. Die Auswertung der Daten erfolgt selbstverständlich anonymisiert, sodass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind.

 

Die Ergebnisse der Studie könnten für die Planung der Gesundheitspolitik eine wichtige Rolle spielen. Beispielsweise beim Erarbeiten von Kampagnen zur Krebsprävention, die sich heute fast ausschliesslich an Personen unter 65 Jahren richten. Ob nicht auch ältere Menschen davon profitieren könnten, ist zurzeit nicht bekannt. «Noch nicht», ergänzt Prof. Egger.

 

Frauen mit hohem Brustkrebs-Risiko früh erfassen

 

Prof. Dr. med. Christine Bouchardy, Genfer Krebsregister, Genf

 

Wenn eine Frau nahe Verwandte hat, die an Brustkrebs erkrankt sind, ist ihr eigenes Brustkrebs-Risiko erhöht. Diese Frauen könnten von Früherkennungs-Mammografien besonders profitieren. Doch wie steht es wirklich um die Früherkennung bei Frauen mit hohem Brustkrebs-Risiko? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, wurden Daten des Genfer Krebsregisters analysiert.

 

Es ist sinnvoll, dass Frauen mit einem familär erhöhten Brustkrebs-Risiko schon vor dem 50. Lebensjahr regelmässig zur Mammografie gehen. Denn je früher Brustkrebs entdeckt wird, umso besser stehen die Chancen, dass sich die Krankheit heilen lässt. Doch im Kanton Genf nehmen Frauen mit hohem Brustkrebs-Risiko diese Möglichkeit zur Früherkennung (noch) nicht genügend wahr – dies das Ergebnis der Studie unter der Leitung der Genfer Professorin Christine Bouchardy.

 

Analysiert wurden die Krankengeschichten von 824 Frauen, die vor dem 50. Lebensjahr im Kanton Genf an Brustkrebs erkrankt waren. Etwa 10% der Patientinnen hatten ein familiär erhöhtes Brustkrebs-Risiko, 90% ein «normales» Risiko. Man stellte fest, dass der Krebs bei den Hochrisiko-Patientinnen nicht häufiger infolge von Früherkennungs-Mammografien entdeckt wurde als bei den anderen Frauen.

 

Junge Frauen mit einem hohen Brustkrebs-Risiko gehen also noch nicht genügend häufig zur Mammografie – wenigstens im Kanton Genf. Vermutlich sind die Verhältnisse in anderen Schweizer Kantonen aber ähnlich. Viele betroffene Frauen wissen gar nicht, dass sie ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko haben und deshalb schon vor dem 50. Geburtstag Früherkennungs-Mammografi en machen sollten. Die Autorin der Studie plädiert dafür, dass Öffentlichkeit und Ärzte besser darüber informiert werden, wann bei einer Frau ein hohes Brustkrebs-Risiko besteht und welche Früherkennungs-Massnahmen in einer solchen Situation sinnvoll wären.