Klinische Forschung

 

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Ein neuer Therapieansatz bei Prostatakrebs

 

Dr. med. Christian Rothermundt, Kantonsspital St. Gallen

 

Das Medikament Metformin wird normalerweise zur Behandlung von Diabetes eingenommen. Doch eventuell wirkt es auch gegen Prostatakrebs. Darüber will Dr. med. Christian Rothermundt vom Kantonsspital St. Gallen mehr wissen. In seiner Studie erhalten Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs Metformin – in der Hoffnung, die Krankheit so zu stabilisieren.

 

Prostatakrebs ist in der Schweiz die mit Abstand häufigste Krebsart. Rund 5800 Männer erkranken jedes Jahr neu daran. Bildet der Krebs Metastasen, lässt er sich nicht mehr heilen. Eine Behandlung, welche die Produktion von Geschlechtshormonen unterdrückt, kann für eine gewisse Zeit verhindern, dass Prostatakrebs weiter fortschreitet. So leben viele Patienten trotz Metastasen noch monate- oder jahrelang mit einer guten Lebensqualität. «Die Wirkung dieser Therapie hört aber nach einiger Zeit auf», sagt Dr. med. Christian Rothermundt vom Kantonsspital St. Gallen. «Standardbehandlung ist dann eine Chemotherapie, die jedoch auch belastende Nebenwirkungen verursachen kann. Gerade bei Patienten mit langsam fortschreitendem Prostatakrebs und wenig Beschwerden wären deshalb Behandlungsalternativen wichtig.»

 

Man weiss, dass bei Patienten mit unterdrückten Geschlechtshormonen die Blutzuckerwerte und die Werte des Hormons Insulin ansteigen. Diese Veränderungen, die typischerweise bei Patienten mit Diabetes Typ 2 (Zuckerkrankheit) auftreten, können dazu führen, dass die Tumorzellen wachsen und der Krebs sich weiter ausbreitet. «Deshalb könnte es in einer solchen Situation sinnvoll sein, die Blutzucker- und Insulinwerte medikamentös zu senken», hofft Rothermundt, «zum Beispiel mit Metformin.» Dieses Medikament wird schon seit Jahrzehnten zur Behandlung von Diabetes Typ 2 eingesetzt. Es wirkt sehr zuverlässig, löst kaum Nebenwirkungen aus und ist ausserdem kostengünstig.

 

Rothermundt leitet eine Studie zur Frage, ob Metformin das Fortschreiten von Prostatakrebs tatsächlich stoppen oder zumindest verlangsamen kann. In dieser Studie erhalten rund
40 Männer mit fortgeschrittenem Prostatakrebs Metformin. «Wir sind den teilnehmenden Patienten sehr dankbar», betont Rothermundt. «Durch ihr Engagement gewinnen wir wichtige Erkenntnisse, die auch den Patienten helfen, die nach den Studienteilnehmern kommen.»

 

 

Darmkrebs: Wann helfen welche Medikamente?

 

Dr. phil. Milo Frattini, Kantonales Institut für Pathologie, Locarno

 

In den letzten Jahren hat sich die Behandlung von Darmkrebs deutlich verbessert – dank moderner Wirkstoffe, welche die Krebszellen gezielt angreifen. Diese Medikamente wirken aber nicht bei allen Patientinnen und Patienten. Dr. phil. Milo Frattini will herausfinden, warum das so ist. Sein Ziel ist, die Therapie von Darmkrebs zu verbessern.

 

Darmkrebs ist in der Schweiz die dritthäufigste Krebsart. Leider sterben immer noch viele Menschen an dieser Krankheit, wenn der Tumor Metastasen bildet. Gerade bei der Therapie von fortgeschrittenem Darmkrebs wurden in den letzten Jahren aber auch grosse Fortschritte erzielt. Neue Wirkstoffe – sogenannte EGFRAntikörper – verlängern die Überlebenszeit mancher Patienten deutlich. Allerdings reagieren nur 10 bis 20 Prozent der Behandelten positiv auf diese Therapie.

 

Dr. phil. Milo Frattini vom Kantonalen Institut für Pathologie in Locarno erforscht die Ursachen für die individuellen Unterschiede bei der Wirksamkeit von EGFR-Antikörpern. Er hat herausgefunden, dass bestimmte Genmutationen bei manchen Patienten verhindern, dass sie von EGFR-Antikörpern profitieren können. Bei einer Person mit einer entsprechenden Mutation ist eine Behandlung mit den neuen Medikamenten also unwirksam.

 

Milo Frattini und sein Team, in dem Molekularbiologen, Pathologen und Zellgenetiker zusammenarbeiten, suchen nach solchen Mutationen und veränderten Eiweissen. Können die Mutationen bei einem Darmkrebspatienten nachgewiesen werden, lässt sich besser voraussagen, ob eine EGFR-Therapie sinnvoll ist oder nicht. Solche Tests helfen den Krebsspezialisten in der Klinik, die individuelle Therapie bei Darmkrebs zu planen und unnötige, belastende Behandlungen zu verhindern.

 

Die persönliche Motivation von Milo Frattini für seine Forschungsarbeit ist gross: «Mein Vater ist an zwei verschiedenen Krebsarten erkrankt – und hat dank neuen Therapien beide Krankheiten überlebt. Er hat Glück gehabt. Ich möchte so vielen Patienten wie möglich zum gleichen Glück verhelfen.»

 

Besser leben nach der Darmkrebs-Operation

 

PD Dr. med. Christian Hamel, Departement Allgemeine Chirurgie, Kantonsspital Basel

 

Über den Stuhlgang spricht man normalerweise nicht. Doch für Menschen mit Darmkrebs wird dieses «peinliche» Thema plötzlich sehr wichtig. Denn es hängt von der richtigen Operationstechnik ab, ob sie nach der Krebsoperation noch normal auf die Toilette gehen können. In einer schweizweiten Studie versucht man herauszufinden, welche Operationsmethode den Patienten die beste Lebensqualität bringt.

 

In den letzten 20 Jahren haben sich die Operationstechniken bei Darmkrebs stark verbessert. Viele Patienten können so operiert werden, dass sie keinen dauerhaften künstlichen Darmausgang brauchen.

 

Doch wenn der Krebs im Mastdarm sitzt, dem letzten Darmabschnitt vor dem Darmausgang, muss ersterer auf jeden Fall entfernt werden. Bei gesunden Menschen dient der Mastdarm als Reservoir für den Stuhl. Fehlt dieses Reservoir, kann dies zu häufigem Stuhldrang und anderen Beschwerden führen. Deshalb versuchen die Chirurgen, den Mastdarm aus dem restlichen Darm operativ nachzubilden.

 

Momentan werden dafür drei verschiedene Operationsmethoden angewendet. Im Forschungsprojekt der Schweizerischen Arbeitsgruppe für angewandte Krebsforschung (SAKK), das von PD Dr. med. Christian Hamel aus Basel geleitet wird, will man herausfinden, welche dieser drei Methoden den Patienten die beste Lebensqualität bringt.

 

Die Forschungsarbeit ist sehr aufwändig und dauert lange. In verschiedenen Spitälern der Schweiz werden 280 Patientinnen und Patienten operiert und, um schlüssige Resultate zu erhalten, während Jahren nachkontrolliert. Alle sechs Monate geben die Studienteilnehmer in einem ausführlichen Interview Auskunft zu ihrer Darmfunktion und ihrer Lebensqualität. Die meisten Patienten sind dankbar, dass regelmässig jemand mit ihnen über dieses wichtige Thema spricht. Viele nehmen im Bewusstsein an der Studie teil, dass sie damit Krebspatienten helfen, die nach ihnen kommen.

 

Den Motor von Blutzellen bremsen

 

Prof. Dr. med. Radek Skoda, Experimentelle Hämatologie, Departement Biochemie, Universitätsspital Basel

 

Warum bildet das Knochenmark manchmal zu viele Blutzellen? Radek Skoda und sein Forschungsteam haben eine Antwort gefunden. Davon profitieren Patientinnen und Patienten, die mit der Bedrohung einer akuten Leukämie leben müssen.

 

Myeloproliferative Krankheiten – abgekürzt MPD – sind chronisch verlaufende Blutkrankheiten, bei denen im Knochenmark vermehrt Blutzellen gebildet werden. Je nach Krankheitstyp besteht ein Risiko von 5-20 Prozent, dass sich mit den Jahren eine akute Leukämie entwickelt. Deshalb wird eine MPD als eine Art «Vorstufe» einer akuten Leukämie angesehen.

 

Professor Radek Skoda und seine rund zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Labor für Experimentelle Hämatologie am Universitätsspital Basel erforschen die Entstehung der MPD. Im letzten Jahr fanden sie in erkrankten Zellen eine Mutation des Enzyms Januskinase-2. «Dieses Enzym ist eine Art Motor für die Zellen», erläutert Skoda. «Es sorgt dafür, dass Substanzen, die das Wachstum von Blutzellen fördern – wie beispielsweise das berühmt-berüchtigte 'Epo' – Signale ins Zellinnere übermitteln können. Die mutierte Januskinase-2 wirkt dabei stärker als normal, deshalb werden bei den betroffenen Personen mehr Blutzellen gebildet.»

 

Skodas Entdeckung wird in der Praxis bereits verwendet. Man testet heute bei Patienten, die neu an einer MPD erkranken, ob die Mutation bei ihnen vorliegt. Aus dem Ergebnis können die behandelnden Ärzte Rückschlüsse auf Ursache und Prognose der Krankheit ziehen und die Behandlung entsprechend anpassen.

 

Alle Blutzellen, die Radek Skoda für seine Forschung braucht, stammen von betroffenen Patienten. «Viele fragen sich, was ihre Krankheit ausgelöst hat. Mit unserer Forschung können wir diese Frage teilweise beantworten. Deshalb sind die meisten Patienten sehr dankbar für unsere Forschungsarbeit, und sie willigen gerne ein, dass wir ihre Zellen für die Forschung verwenden.»