Krebsforschung SchweizForschungsförderungProgramm zur Stärkung der onkologischen VersorgungsforschungInterview: Was ist Versorgungsforschung?Programm zur Stärkung der onkologischen Versorgungsforschung

«Ich wünsche mir, dass sich der systematische und kontinuerliche Lernprozess fortsetzt»

Dieses Jahr geht das Förderprogramm zu Ende, mit dem die Stiftung Krebsforschung Schweiz – im Rahmen der «Nationalen Strategie gegen Krebs 2014-2020» – die onkologische Versorgungsforschung in der Schweiz gezielt gestärkt hat. Im Gespräch zieht der Präsident des Expertengremiums, das die Forschungsgesuche des Programms evaluiert hat, eine vorläufige Bilanz.

Marcel Zwahlen, Präsident des Expertengremiums

Marcel Zwahlen, Sie präsidieren das Expertengremium des Programms zur Stärkung der onkologischen Versorgungsforschung. Was genau ist Versorgungsforschung?
Das ist eine schwierige Frage, die wir auch im Gremium immer wieder kontrovers diskutieren. Der breiteste Nenner ist vielleicht, dass es bei der Versorgungsforschung darum geht, Gesundheitsdienstleistungen im echten Leben zu untersuchen. In der Praxis – unter «real life conditions» – sind viele Sachen weniger klar als in der Theorie. So halten beispielsweise Guidelines oder Richtlinien in vielen Fällen fest, wie die ideale Behandlung aussieht. Im klinischen Alltag gibt es aber immer wieder Abweichungen von dieser Behandlung. Die Versorgungsforschung kann beschreiben, wie oft – und wieso – von empfohlenen Therapien abgewichen wird.

Wieso ist die Versorgungsforschung wichtig?
Mit unserem Programm fördern wir keine Projekte, die sich für ein einzelnes Molekül XY interessieren oder sich sehr eng am biomedizinischen Krankheitsbild orientieren. Stattdessen steht oft das Erleben der Betroffenen im Zentrum: Eine Krebsbehandlung ist eine komplexe Angelegenheit, die Patientinnen und Patienten haben meist mit einer Vielzahl verschiedener Spezialisten zu tun, die oft zu wenig daran denken, dass sie nicht die einzigen Akteure in der Behandlung sind – und ihre Arbeit deshalb nicht immer ideal koordinieren. Projekte aus der Versorgungsforschung können zum Beispiel aufzeigen, welche Schnittstellen gut und welche weniger gut funktionieren.

Was ist das Besondere an der Versorgungsforschung?
Die Versorgungsforschung zeichnet sich vor allem durch ihre Interdisziplinarität aus. Es handelt sich hier in der Schweiz um einen relativ jungen Forschungszweig, bei dem oft auch andere Methoden zum Einsatz kommen als diejenigen, die klassischerweise in den Life Sciences verwendet werden. In unserem Programm gibt es Projekte, die etwa auf qualitative Interviews oder Fokusgruppen setzen, einem Konzept, das ursprünglich aus dem Marketing kommt. Die Stiftung Krebsforschung Schweiz hat deshalb für das von ihr finanzierte Forschungsprogramm ein sehr breit gefächertes Gremium aufgestellt – mit Fachpersonen aus der Medizin, der Ökonomie, der Statistik, den Pflegewissenschaften und weiteren Gebieten.Eine weitere Besonderheit der Versorgungsforschung ist, dass ihre Resultate meist kontextspezifisch sind. In der Theorie ist ein Medikament überall auf der Welt gleich wirksam, doch in der Praxis spielen die örtlichen Gegebenheiten eine wichtige Rolle. Weil das Gesundheitssystem in der Schweiz anders aufgestellt ist als etwa in Grossbritannien, lassen sich die Ergebnisse einer dortigen Untersuchung nicht eins zu eins auf unsere Verhältnisse übertragen.

Bald schon endet das Forschungsprogramm, sind Sie damit zufrieden?
Wir haben noch keine gründliche Rückschau betrieben, das steht uns noch bevor. Wir planen zum Abschluss eine Tagung, die wir gemeinsam mit dem NFP 74 durchführen. Das ist das Nationale Forschungsprogramm «Gesundheitsversorgung» des Schweizerischen Nationalfonds, bei dem vor allem Fragen zur optimalen Versorgung von chronisch Kranken im Vordergrund standen. Eigentlich hätte die Tagung im April schon stattfinden sollen. Doch Corona-bedingt haben wir dieses Fachtreffen nun auf Ende Oktober verschoben. Die Ziele dieser Tagung sind einerseits der wissenschaftliche Austausch: Die an den verschiedenen Projekten beteiligten Personen sollen die Gelegenheit erhalten, sich zu treffen und zu vernetzen. Und andererseits geht es bei der Tagung auch darum, Szenarien zu skizzieren, wie – nach dem Ablauf der beiden Forchungsprogramme – die Zukunft der Versorgungsforschung in der Schweiz aussehen könnte.

Wie könnte sie aussehen?
Ich würde mir wünschen, dass sich der systematische und kontinuerliche Lernprozess fortsetzt, den unser Forschungsprogramm angestossen hat. Allerdings braucht es dafür in Zukunft eine besser organisierte Datengrundlage. Es ist zum Beispiel sehr schwierig, als Forschender Zugriff auf die anonymisierten Abrechnungsdaten von Krankenkassen zu erhalten. Dieser Datensatz sollte – natürlich mit klaren Regelungen – besser zugänglich gemacht werden. Schliesslich sind wir hier in der Schweiz alle gezwungen, eine Krankenversicherung abzuschliessen. Die Daten gehören deshalb nicht den Unternehmen, sondern der Gesellschaft.