Krebsforschung SchweizKrebsforschungUnterstützte ForschungsprojekteBeispielhafte wissenschaftliche VorhabenIn der Stärke von Lungenkrebszellen ihre Schwachstellen sehen

In der Stärke von Lungenkrebszellen ihre Schwachstellen sehen

Krebszellen können sich auch noch teilen, wenn ihr Erbgut beschädigt ist. Lässt sich diese Stärke der Krebszellen im Kampf gegen die Erkrankung ausnutzen?

Um ihr rasantes Wachstum aufrechterhalten zu können, sind Krebszellen unter anderem auf einen effizienten Stoffwechsel angewiesen, der sie nicht nur mit genügend Energie versorgt, sondern ihnen auch eine hinreichende Menge an Baustoffen liefert, damit sie ihr Erbgut rasch verdoppeln können. Dieser Zeitdruck macht Krebszellen empfindlich auf Chemotherapeutika, die das Erbgut schädigen. Was passiert aber, wenn die DNA-schädigende Chemotherapie mit einer Beschränkung der Baustoffe kombiniert wird? Könnte sich dieser doppelte medikamentöse Angriff auf Krebszellen als erfolgsversprechende Strategie erweisen? Das wollte Thomas Marti, Forschungsgruppenleiter an der Klinik für Thoraxchirurgie am Inselspital in Bern, in seinem Projekt in Erfahrung bringen.

In Versuchen an Lungenkrebszellen im Labor haben Marti und sein Team diesen Ansatz vertieft geprüft. Die aktuelle Standardbehandlung von Lungenkrebs sieht die gleichzeitige Gabe von Pemetrexed und Chemo- oder Strahlentherapie vor. Pemetrexed ist ein Medikament, das in den Stoffwechsel der Zelle eingreift und die Synthese von Nukleotiden – den Bausteinen der Erbsubstanz – hemmt.

«Weil defekte Stellen aus dem DNA-Strang ausgeschnitten und ersetzt werden, wollten wir testen, welchen Effekt eine Verknappung der Bausteine hat», sagt Marti. Tatsächlich starben mehr Krebszellen ab, wenn die Forschenden den Zellkulturen im Labor das Pemetrexed vor statt während der Chemo- oder Radiotherapie verabreichten. «Unsere Resultate rechtfertigen weitere Untersuchungen, um zu prüfen, ob durch eine zeitliche Anpassung des Behandlungsschemas die Effektivität der aktuellen Standardbehandlung verbessert werden kann», schreiben die Forschenden als Schlussfolgerung in ihren Fachbeiträgen.

Als nächster Schritt müssten Versuche mit Mäusen durchgeführt werden. Erst wenn sich ihre Befunde auch dort bestätigten, und sich zudem zeige, dass die verstärkte Wirksamkeit auf die Krebszellen nicht gleichzeitig zu einer erhöhten Toxizität für die gesunden Zelle führe, liessen sich klinische Versuche ins Auge fassen, meint Marti. Ausserdem laufe der Patentschutz für Pemetrexed in Bälde ab, wie gross das Interesse der Industrie noch sei, weiter in die Entwicklung dieses Medikaments zu investieren, bleibe deshalb offen. «Unser Projekt ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass es oft schwierig ist, Resultate aus der Grundlagenforschung bis an die betroffenen Patientinnen und Patienten zu tragen», sagt Marti.