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Rück- und Ausblick der Stiftung Krebsforschung Schweiz

Neue Medikamente, Forschungsansätze, Zulassungsverfahren und – all dies überschattend – eine Pandemie: Das vergangene Jahr stellte Krebsbetroffene, Ärztinnen und Wissenschaftler vor zahlreiche Herausforderungen. Als grösste Förderorganisation im Bereich der Krebsforschung, war auch die Stiftung Krebsforschung Schweiz von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Dr. Rolf Marti, Leiter der Geschäftsstelle der Stiftung Krebsforschung Schweiz, spricht über Vergangenes und Zukünftiges.

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Dr. rer. nat. Rolf Marti

Herr Dr. Marti, als Leiter der Geschäftsstelle der Stiftung Krebsforschung Schweiz befassen Sie sich unter anderem mit der Auswahl der Forschungsprojekte. Gab es da im letzten Jahr einen besonderen Fokus?
Die Stiftung Krebsforschung Schweiz (KFS) gibt keine Themen vor, wo und was beforscht werden soll. Wir unterstützen die qualitativ besten Gesuche. Deshalb investieren wir viel in die Evaluation der Projektanträge, die höchsten internationalen Standards folgt. Die Geschichte hat gezeigt, dass Forscher selbst die innovativsten Ideen haben. Insbesondere im Bereich «Life sciences», d.h. der Grundlagenforschung, hat die Schweiz ein sehr hohes Niveau. Da geht es beispielweise um Antworten auf die Frage, wie Krebs entsteht. 

Was war Ihr persönliches Highlight im Bereich der Krebsforschung im vergangenen Jahr?
Wir haben Ende letzten Jahres die Plattform «Zelluläre Immuntherapie» (ZT) initiiert und konnten dieses Jahr mit dem Aufbau des Netzwerkes starten. Die ZT ist eine neue, sehr wirksame Therapie, die – wenn die Patienten darauf ansprechen – sensationelle Therapieerfolge zeigt. Dabei werden dem Patienten die eigenen Immunzellen entnommen, ausserhalb des Körpers in einem komplexen Verfahren fit gemacht, um die eigene Krebserkrankung zu attackieren, vermehrt und dann dem Patienten verabreicht. Mit der Plattform wollen wir die Zusammenarbeit der akademischen Forschung innerhalb der Schweiz stärken und auch erste klinische Studien finanzieren.

Mit der Entwicklung immer innovativerer und selektiverer Therapien ist auch der Stellenwert der klassischen klinischen Studie im Wandel. Wohin geht Ihrer Meinung nach die Reise?
Vermehrt werden Resultate aus biologischen Studien bei der Therapieentwicklung berücksichtigt. D.h. der Tumor oder dessen Umfeld wird auf bestimmte Mutationen analysiert. Diese können beispielsweise das Tumorwachstum begünstigen. Die entsprechenden Medikamente – oft gekoppelt an einen spezifischen Antikörper – werden dann nur bei denjenigen Patienten eingesetzt, welche auch diese Mutation aufweisen. Das bedeutet, dass die Entwicklung immer präziserer Diagnostik vorangetrieben wird, damit die Behandlungen spezifischer und somit, «personalisierter» werden. Toxikologie und Wirksamkeit der Dosis müssen aber nach wie vor in klinischen Studien gesichert werden.

Was bedeutet das für den Forschungsstandort Schweiz?
Die Forschung an Hochschulen in der Schweiz im Bereich «Life sciences» ist weltweit gesehen top. Dies auch dank der guten Förderungspolitik der Forschung durch öffentliche Gelder wie dem Schweizerischen Nationalfonds SNF, aber auch durch spendenfinanzierte Organisationen wie die KFS. Die Schweiz investiert in den Bildungsstandort Schweiz und bietet eine grosse Rechtssicherheit. Das ist ein guter «Boden» für Start-Ups wie auch für bestens qualifiziertes Personal für die Pharmaindustrie. Die Drift hin zur Stärkung der translationalen Forschung, d.h. Grundlagenforschung mit einem anwendungsorientierten Fokus, ist im Gange. Für klinische Studien ist und war es schon immer schwieriger in der Schweiz, da das Einzugsgebiet hier klein, das Setting teuer und die Zulassung aufwändig sind.

Wie hat sich die Pandemie in der Forschung bemerkbar gemacht? Gab es beispielsweise vermehrt Probleme bei der internationalen Zusammenarbeit?
Die KFS finanziert bei internationalen Studien und Forschungsprojekten nur den Schweizer Teil. Uns ist bekannt, dass sich einige Projekte aufgrund der Covid-19 Pandemie verzögert haben. Auch, weil es in Labors zu gegenseitigen Ansteckungen kam und die Forschenden in Quarantäne mussten oder während des Lockdowns nicht arbeiten konnten. Einige haben uns aber auch mitgeteilt, dass sie nun endlich Zeit hatten, ihre Publikationen zu schreiben.

Wurde 2020 mehr oder weniger gespendet als in vergangenen Jahren?
Es wurde 2020 zum Glück nicht weniger für die Forschung gespendet. Ich denke, die Pandemie hat bei vielen Spenderinnen und Spendern das Bewusstsein gestärkt, dass Forschung wichtig ist – gerade für Krebsbetroffene, die aufgrund ihres oft geschwächten Abwehrsystems zur Risikogruppe gehören. Auch hier gilt: Forschung heisst «Wissen schaffen», damit faktenbasiert gehandelt werden kann.

Die Stiftung Krebsforschung Schweiz unterstützt Projekte in den Bereichen Grundlagenforschung, klinische, psychosoziale und epidemiologische Forschung sowie Versorgungsforschung. Wo liegt aktuell der Schwerpunkt? Wird sich dieser in näherer Zukunft ändern?
Die KFS hat vor fünf Jahren ein Programm zur Versorgungsforschung lanciert. Diese untersucht den Outcome, das heisst «was beim Patienten ankommt». Es ist ein sehr interdisziplinärer Forschungsansatz, der neben klinischen Daten oft auch gesundheitsökonomische oder soziologische Perspektiven und Aspekte des Gesundheitssystems mitberücksichtigt. Dieser neue Forschungszweig ist noch wenig etabliert in der Schweiz. Mit unserem Programm wollen wir Anreize für gute Projekteingaben schaffen, aber auch die Bildung einer «Community» fördern. Wir möchten, dass ein Bewusstsein für den Forschungsbedarf in diesem Bereich entsteht. Auch wollen wir aufzeigen, dass sich gute Forschende aus verschiedenen Disziplinen zusammentun müssen, um auch gute Resultate zu liefern.

Ein kleiner Ausblick ins nächste Jahr: Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Stiftung Krebsforschung Schweiz?
Wir sind zu 100% von Spenden abhängig und entsprechend vulnerabel. Das Coronavirus wird auch im kommenden Jahr wüten. Es wäre naiv, sich nicht um einen plötzlichen Spendenrückgang zu sorgen. Das bedeutet auch, dass im Fundraising innovative Ansätze gefragt sind. Nach wie vor können wir etwa einen Viertel der von der Wissenschaftliche Kommission als qualitativ sehr gut bewerteten Projekte nicht finanzieren. Weiter möchten wir unsere hohen Ansprüche an einen qualitativ hochstehenden Evaluationsprozess aufrechterhalten oder sogar verbessern. Die Anzahl der Gesuchseingaben nimmt weiterhin zu und das System kommt an seine Grenzen.

Erschienen im Januar 2021 im Kompendium ONKOLOGIE & HÄMATOLOGIE 2021