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Rasante Fortschritte – hohes Tempo: 30 Jahre Krebsforschung Schweiz

Zum 30-Jahr-Jubiläum der Stiftung Krebsforschung Schweiz (KFS) stellt sich die Frage: Welche Entwicklungen haben die mittlerweile über 1000 geförderten Forschungsprojekte angestossen? KFS-Präsident Prof. em. Thomas Cerny benennt die Meilensteine aus 30 Jahren Krebsforschung und zeigt sich zuversichtlich, dass sich in Zukunft noch mehr Leben retten lassen.

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KFS-Präsident Prof. em. Thomas Cerny

Ist Krebs heilbar – das ist eine der häufigsten Fragen, die auf Google eingetippt werden. Wie lautet Ihre Antwort?
Es ist wichtig festzuhalten, dass es «den Krebs» nicht gibt. Vielmehr gibt es hunderte Subtypen von sehr verschiedenen Tumorarten, die sich in der genetisch-molekularen Struktur stark unterscheiden können. Hiervon sind bereits viele heilbar. Zahlreiche andere lassen sich heute wie eine chronische Erkrankung behandeln und verkürzen das Leben eines Patienten oft nicht. Was wir auch wissen: Je früher der Krebs entdeckt wird, desto besser stehen die Chancen auf Heilung.

Auf der einen Seite überleben immer mehr Menschen, auf der anderen Seite warnt die WHO, dass die Krebserkrankungen exponentiell nach oben schnellen werden. Ist Feiern angesagt oder gilt es, Alarm zu schlagen?
Krebs ist mehrheitlich eine Krankheit des Alters und nimmt aufgrund des demografischen Wandels stark zu. Glücklicherweise ist eine Krebsdiagnose heute nicht mehr ein Todesurteil. Die Überlebensraten steigen von Jahr zu Jahr weiter an, weil die Behandlungen immer präziser, wirksamer und verträglicher werden – ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Forschung. Das ist ganz sicher ein Grund zum Feiern. Gleichzeitig ist die steigende Anzahl von Krebserkrankungen natürlich eine gewaltige Herausforderung für unser Gesundheitssystem. Wir müssen die Kosten im Auge behalten, aber auch dafür sorgen, dass die Bevölkerung gesund bleibt und Krebsrisiken vermeidet. 

Wie viel können Prävention und Früherkennung dabei ausrichten?
30 bis 40 Prozent aller Krebserkrankungen lassen sich mit gezielter Prävention und Früherkennung verhindern. Längst bekannt ist etwa, dass Rauchen das Risiko an Krebs zu erkranken, massiv erhöht. Die EU lanciert gerade jetzt ein Milliarden-Projekt zum Thema Krebs. Erklärtes Ziel ist es, den Anteil von Rauchenden auf fünf Prozent zu reduzieren. In der Schweiz liegen wir heute bei 27 Prozent – im europäischen Vergleich schneiden wir also schlecht ab. Hier gilt es, die Weichen politisch richtig zu stellen.

Immer mehr Menschen überleben Krebs, viele kämpfen aber mit Spätfolgen. Wie intensiv wird in diesem Bereich geforscht?
Je mehr Leute Krebs überleben, desto mehr müssen wir uns mit Spätfolgen der Erkrankung und der Therapie auseinandersetzen. In diesem Bereich unterstützt die KFS und auch die Krebsliga zahlreiche Projekte. Dazu gehört etwa das Kinderkrebsregister, das zu den ältesten Registern in Europa zählt und dank dem uns wertvolle Langzeit-Daten zur Verfügung stehen. Doch auch bei häufigen Krebsarten wie Brustkrebs gibt es viele Untersuchungen zur Lebensqualität von «Cancer Survivors». Wir wissen heute viel mehr darüber, wie sich das körperliche und mentale Wohlbefinden verbessern lässt. Um nur eines von vielen Beispielen zu nennen: Vor 30 Jahren hiess die oberste Devise bei Krebspatienten Schonung und Ruhe. Heute wissen wir, dass Bewegung, Aktivität und sozialer Austausch auf dem Weg zur Genesung unerlässlich sind.

Inwiefern hat sich die Situation für Krebsbetroffene, verglichen mit 1991 – als die Stiftung Krebsforschung Schweiz aktiv wurde – konkret verändert?
Als Onkologe habe ich vor 30 Jahren viele Menschen betreut, die wir zum damaligen Zeitpunkt nicht heilen konnten, für die es heute aber sehr wirksame Therapien gäbe. Die Behandlungen der 90-er Jahre sind mit den heutigen nicht vergleichbar. So dauern gewisse Therapien, die sich früher über ein bis zwei Jahre erstreckten, nur noch einige wenige Monate. In anderen Fällen wiederum sind dank zielgenauen Medikamenten in der personalisierten Medizin gar keine Chemotherapien und Hospitalisationen mehr notwendig. Die Gewebeuntersuchungen durch die moderne molekulargenetisch basierte Pathologie hat die Diagnostik revolutioniert und gibt uns sehr präzise Informationen für die Therapie. Auch haben die Chirurgie mit schonenden, organerhaltenden Verfahren, die Radiotherapie mit hochpräzisen Bestrahlungen, die Nuklearmedizin mit therapeutischen Isotopen und die diagnostische Radiologie mit neuen bildgebenden Verfahren enorme Verbesserungen für die Patienten gebracht. Zu den Meilensteinen in der Krebsbehandlung zählen auch verschiedene immuntherapeutische Ansätze wie die monoklonalen Antikörper und die zellulären Immuntherapien. 

In welchen Bereichen zeichnen sich im Moment vielversprechende Entwicklungen ab?
Es ist unglaublich viel am Laufen. Einige Projekte zielen darauf ab, aus den vielen neuen therapeutischen Optionen, die sich in den letzten zehn Jahren ergeben haben, neue Kombinationen zu prüfen – insbesondere von zellulären oder antikörperbasierten Therapien mit bestehenden Medikamenten. Wir rechnen damit, dass die neuen Ansätze in der Immuntherapie wie auch mRNA-basierte Immunisierungen weiter verfeinert werden und in Zukunft noch mehr Menschen davon profitieren. Auch das Gebiet der molekularen Diagnostik mit neuen blutbasierten Testverfahren («liquid biopsies») ist bereits sehr kliniknah. Damit lassen sich Tumorerkrankungen oder Rückfälle einfacher diagnostizieren, Behandlungen besser überwachen und Veränderungen im Tumorgenom mit nicht invasiven Methoden frühzeitig erkennen.

Hat das hohe Tempo bei der Krebsbekämpfung auch Schattenseiten?
Durchaus. Zahlreiche Krebsmedikamente kommen nach einer relativ kurzen Entwicklungszeit auf den Markt, weil der Druck gross ist, dass sich Investitionen rasch auszahlen. Hier setzt die Arbeit der KFS an: Im Bereich «Versorgungsforschung» unterstützen wir zahlreiche Forschungsprojekte, die das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Krebsmedikamenten untersuchen wie auch Projekte, an denen die Pharmaindustrie kein Interesse hat. Etwa Untersuchungen zur Frage, ob sich ein Medikament tiefer dosieren und weniger lang anwenden lässt, um Nebenwirkungen zu minimieren.

Die KFS fördert explizit auch «patientennahe Forschung». Was ist darunter zu verstehen?
Dank der klinischen Forschung werden heute wirklich drängende Fragen aus dem Spitalalltag und der Patientenversorgung angepackt. Hinter den von uns geförderten Projekten stehen erfahrene, hochmotivierte Mediziner/-innen und Pflegende, die sehen, womit Krebspatienten im Alltag kämpfen. Es geht dabei insbesondere um die Versorgungsforschung, wo wir untersuchen, ob die vielen Fortschritte bei den Patienten richtig, zeitgerecht und in der gebotenen Qualität ankommen.

Was steht anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Stiftung Krebsforschung Schweiz zuoberst auf Ihrer Wunschliste?
Ich wünsche mir, dass es im bisherigen Tempo weitergeht, die Schweiz ihren Spitzenplatz in der Krebsforschung halten kann und wir weiterhin auf so hochmotivierte Forscherinnen und Forscher zählen dürfen, denen ihre Tätigkeit am Herzen liegt. Ziel ist und bleibt es, dass Heilung immer mehr zur Regel wird. Dafür möchte ich mich auch bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken, die dies überhaupt erst möglich machen.