Wahrscheinlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie eine optimale Behandlung bei Kinderkrebserkrankungen auszusehen hat. Wie sind Sie vorgegangen, um zu einer objektiven Bewertung zu gelangen?
Wir haben uns an ein mehrstufiges Verfahren gehalten. Als Erstes haben wir die wissenschaftliche Literatur systematisch durchsucht – und also geschaut, was bisher zu Qualitätskriterien veröffentlicht worden ist. Wir sind auf 18 Studien gestossen. Insgesamt führen sie rund 200 verschiedene Kriterien auf, die wir anschliessend zu 90 übergeordneten Kriterien zusammengefasst haben. In einem zweiten Schritt haben wir einen Online-Fragebogen entwickelt. Und ihn an Vertreterinnen und Vertreter der Kinderkrebsmedizin aus 32 verschiedenen Ländern geschickt, deren Gesundheitssysteme mit dem der Schweiz vergleichbar sind. So haben wir in Erfahrung gebracht, dass sich die Kinderkrebszentren in rund zwei Drittel dieser Länder entweder an national oder lokal definierten Qualitätskriterien orientieren. Zudem sind wir in den Antworten auf weitere fünf Kriterien gestossen, die wir in unsere Liste aufgenommen haben. Schliesslich haben wir in einem dritten Schritt untersucht, wie relevant die verschiedenen Qualitätskriterien sowohl für medizinische Fachpersonen wie auch für Eltern von Kindern mit Krebserkrankungen in der Schweiz sind. Dass sich betroffene Eltern mit ihrer praktischen Erfahrung am Projekt beteiligten, war für uns sehr wichtig, denn sie brachten eine weitere wertvolle Perspektive ein.
Wie unterscheiden sich denn die Perspektiven von Fachpersonen und von Betroffenen?
Wir Onkologinnen und Onkologen tendieren dazu, uns auf Kriterien zu fokussieren, die sich auf die Behandlung beziehen. Dazu gehören zum Beispiel eine möglichst niedrige Infektionsrate bei den Venenkathetern, die wir unseren jungen Patientinnen und Patienten für das Verabreichen der Chemotherapie anlegen müssen. Oder eine möglichst baldige Behandlung mit Antibiotika, wenn ein Kind mit hohem Fieber ins Spital kommt. Falls das Fieber von einem bakteriellen Infekt stammt, ist Zeit ein kritischer Faktor. Denn aufgrund der Chemotherapie ist das Immunsystem des Kindes geschwächt und nicht in der Lage, die Bakterien zu bekämpfen, was dann rasch zu einer tödlichen Blutvergiftung führen kann.
