Das Experiment ist denkbar einfach. Und schnell erklärt: Die Forschenden um Christoph Scheiermann von der Universität Genf haben Mäusen über den Tag verteilt zu verschiedenen Zeitpunkten Krebszellen gespritzt. Nach zwei Wochen beobachteten sie, dass unterschiedlich grosse Tumore heranwuchsen. Mäuse, die morgens mit Krebszellen versetzt wurden, entwickelten doppelt so grosse Tumore wie Mäuse, denen die Krebszellen nachmittags gespritzt wurden. Wie erklärt sich Scheiermann diese erstaunlichen Resultate? «Mäuse sind nachtaktiv. Sie wachen auf, wenn es dunkel wird», sagt er. «Dann fahren sie ihr Immunsystem hoch.»
Erhöhte Abwehrbereitschaft nach dem Aufwachen
Intuitiv – und aus evolutionsbiologischer Sicht – ergibt das Sinn. Denn nach dem Aufwachen beginnt die Phase, in der sich die Mäuse bewegen und zum Beispiel Nahrung oder Partner für die Zeugung von Nachkommen suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dabei Krankheitserregern zu begegnen, ist erhöht. Es lohnt es sich also, auch die Abwehrbereitschaft zu erhöhen. Mit ihren Arbeiten haben Scheiermann und sein Team aufgeschlüsselt, dass die auf den Tag-Nacht-Rhythmus abgestimmte innere Uhr vor allem das Verhalten von zwei verschiedenen Arten von Immunzellen steuert: Das Verhalten von dendritischen Zellen und das von sogenannten zytotoxischen T-Zellen.
Die dendritischen Zellen sind die Spürhunde des Immunsystems. Während der Wachphase durchsuchen sie den Körper nach Bedrohungen. In der Schlafphase dagegen wandern sie in nahegelegene Lymphknoten und tauschen sich dort mit anderen Immunzellen aus. Haben die dendritischen Zellen etwas Verdächtiges gefunden, veranlassen sie eine Vermehrung der zytotoxischen T-Zellen, um die Gefahr zu bekämpfen. «Wir haben gezeigt, dass auch die Vermehrung und Mobilität der zytotoxischen T-Zellen im Tagesverlauf deutlichen Schwankungen unterliegt», sagt Scheiermann.
