Heute wirkt die Vorstellung fast surreal, doch bis vor noch rund zwanzig Jahren ging die Fachwelt von einem Einheitsmodell des menschlichen Körpers aus. Der Mann war in der Medizin lange Zeit schlicht die Norm. «Früher galt, dass Männer und Frauen gleich sind, Punkt», sagt Anna Dorothea Wagner, Leiterin der Spezialsprechstunde für Magen-Darm-Krebs am Universitätsspital Lausanne. «Doch das war noch nie richtig.»
Biologisches und soziales Geschlecht
Denn wie es im Englischen so wunderbar kurz, knapp und treffend heisst: «Every cell is sexed, every person is gendered.» Der Satz lässt sich nur ungefähr ins Deutsche übertragen, weil es hier nur ein Wort – das Geschlecht – gibt, das sowohl biologisch wie auch sozial aufgefasst werden kann. Jetzt, wo zusehends mehr Forschende dem Thema ihre Aufmerksamkeit schenken, zeigt sich immer deutlicher, dass Geschlechtsunterschiede in beiden Bedeutungen des Worts eine wichtige Rolle bei Krebserkrankungen spielen.
«Das Melanom ist ein besonders anschauliches Beispiel für die unterschiedlichen Auswirkungen von Sex und Gender», haben Wagner und ihre Kolleginnen und Kollegen in einem Fachartikel geschrieben, in dem sie über die Ergebnisse eines Arbeitstreffens der europäischen Gesellschaft für medizinische Onkologie berichteten, das sich 2018 den unterbelichteten Geschlechtsunterschieden widmete. «Männer schauen weniger genau auf Hautveränderungen, sind sich ihres Hautkrebsrisikos weniger bewusst und gehen seltener zur Kontrolle als Frauen», hielten die Expertinnen und Experten um Wagner fest. «All diese Faktoren führen zu einer im Schnitt späteren Diagnose.»
Dementsprechend wies eine Untersuchung der Daten von knapp 12 000 im Münchner Krebsregister erfassten Melanompatientinnen und -patienten nach, dass Männer häufiger grössere Hauttumore aufwiesen als Frauen. Insbesondere am Rumpf, denn Männer setzen ihren nackten Oberkörper eher der Sonnenstrahlung aus als Frauen. Wie die Registerdaten belegen, haben Männer deutlich schlechtere Aussichten als Frauen.
Dieser Zusammenhang galt erstaunlicherweise auch noch, nachdem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler alle Faktoren zur Grösse und zum Entwicklungsstadium der Tumore statistisch herausrechneten. «Ein biologisches Geschlechtsmerkmal scheint das Fortschreiten und die Überlebensraten beim Melanom erheblich zu beeinflussen», steht im Bericht zur Untersuchung. Auch in Versuchen an Mäusen zeigte sich, dass sich nach der Injektion von Melanomzellen in männlichen Tieren mehr Lebermetastasen entwickeln als in weiblichen Tieren. «An was das liegt, ist nicht restlos geklärt», sagt Wagner und verweist auf Studien, die etwa eine schützende Wirkung weiblicher Sexualhormone nahelegen.
Männer erkranken fast doppelt so oft wie Frauen
Wahrscheinlich hat diese Schutzwirkung auch etwas damit zu tun, dass weltweit deutlich mehr Männer an Krebs erkranken als Frauen. So sind bei praktisch allen Krebsarten, die bei beiden Geschlechtern zu finden sind, deutlich mehr Männer als Frauen betroffen. (Nur für geschlechtsspezifische Tumoren an der Prostata, sowie Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs gilt das natürlich nicht).
Neben den Unterschieden im Verhalten und in den Hormonen führt die Fachwelt auch Verschiedenheiten in der Zusammensetzung der Darmflora von Frauen und Männern, sowie andere Funktionsweisen des Immunsystems als mögliche erklärende Faktoren ins Feld. Dass das Immunsystem von Frauen im Schnitt stärker reagiert als das von Männern, lässt sich unter anderem auch daran erkennen, dass deutlich mehr Frauen als Männer von Auto-Immunerkrankungen wie Multipler Sklerose oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen betroffen sind.
Zudem liegen einige Tumorsuppressor-Gene – also Gene, die eine Zelle davor schützen, zu einer Krebszelle zu entarten – auf dem X-Chromosom. Weibliche Zellen verfügen im Gegensatz zu männlichen über zwei X-Chromosome. Eigentlich wird während der embryonalen Entwicklung in jeder Zelle eines der beiden X-Chromosome stillgelegt, doch mit der Zeit entkommt rund jedes dritte oder vierte Tumorsuppressor-Gen dieser Inaktivierung. Dadurch können viele weibliche Zellen auf eine Sicherheitskopie zurückgreifen, sollte im Laufe der Zeit die Funktion eines solchen Gens aufgrund einer Mutation verlorengehen.
Wagner führt aus, dass man genetisch gesehen zwar von einer klaren Zweiteilung der Geschlechter sprechen kann, aber dass es gleichzeitig auch viele Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen gibt, weil sich die Ausprägungen vieler Merkmale überlappen. «Allerdings lassen sich oft Unterschiede in der Verteilung der Variablen finden», sagt Wagner. So haben Frauen einen grösseren Fettanteil als Männer, die dafür in der Regel mehr Muskeln aufweisen: Die sogenannte fettfreie Körpermasse macht bei Männern rund 80 Prozent des Körpergewichts aus, bei Frauen etwa 65 Prozent.
Mehr Nebenwirkungen bei Frauen
Doch in der klinischen Praxis findet dieser Umstand leider noch keine Berücksichtigung, etwa wenn es um die Dosierung von Chemotherapien geht. Die Ärzteschaft berechnet die Körperoberfläche eines Patienten oder einer Patientin, um damit die Dosis vieler Krebsmedikamente zu bestimmen. Es leuchtet ein, dass eine 150 Kilogramm schwere Person mehr braucht als eine, die nur 60 Kilogramm auf die Waage bringt. Aber ausschlaggebend für die Wirksamkeit eines Medikaments ist nicht nur die Menge, sondern auch, wie lange das Medikament seine Wirkung entfalten kann. In anderen Worten: Wie rasch das Medikament im Körper verstoffwechselt und abgebaut wird.

