Rebekka Haefeli: Toni K. sagt von sich, er sei ein Glückspilz. Es war fünf vor zwölf, als er eine Not-Operation brauchte.
Toni K.: Ich hatte 1'000 Schutzengel, 2'000, 3'000, sage ich. Eine Stunde nachdem der Alarm losging, war das Team wieder in der Insel und sie konnten den Bauch öffnen und die Dinge ausräumen.
Rebekka Haefeli: Was man ausgeräumt hat, war Toni K.’s Bauchspeicheldrüse. Nach einer ersten Krebsoperation entwickelte er nämlich eine schwere Komplikation. Um das Operieren bei Bauchspeicheldrüsenkrebs geht es in dieser Folge von «Wissen gegen Krebs», dem Podcast der Stiftung Krebsforschung Schweiz. Ich bin Rebekka Haefeli und treffe mich am Inselspital Bern mit dem Patienten Toni K. und der Bauchspeicheldrüsen-Spezialistin Anna Wenning. Anna Wenning ist Oberärztin an der Universitätsklinik für viszerale Chirurgie. Bei unserem Treffen hat sie die CT-Bilder von Toni K. vor sich auf dem Bildschirm.
Anna Wenning: Die Bauchspeicheldrüse wäre hier gelegen. Da, wo wir einen von den Schläuchen noch drin gelassen haben. Da sieht man einen Schlauch, der über die Bauchwand herauskommt.
Rebekka Haefeli: Seit der Diagnose im Jahr 2021 sind ein paar Jahre vergangen. Toni K., der 73 Jahre alt ist, erinnert sich aber gut, wie alles angefangen hat. Es war ein Kollege von ihm, der merkte, dass etwas nicht stimmt.
Toni K.: Er sagte, du siehst nicht gut aus. Ich hatte das Gefühl, ja ich bin etwas müde. Ich ging nach Hause, merkte aber, dass es nicht besser wurde. Ich rief den Hausarzt an und beschrieb ihm, wie mein Befinden ist. Er sagte, ich soll sofort kommen. Er hat mir schon, wo ich hergekommen bin, auf Distanz gesagt, ich sei gelb, dass ich gelb anlaufe. Da ging der Alarm bei ihm los. Sofort in die Notfallaufnahme. Da wurde ich dann einfach an Medizin angeschlossen, die zeigte, was mit mir los ist. Man sah, dass die Leber blockiert war.
Rebekka Haefeli: Den Bauchspeicheldrüsenkrebs entdeckte man nicht sofort. Aber als es ihm nach kurzer Zeit nicht besser ging, klärte man vertiefter ab, was es sein könnte.
Toni K.: Ich konnte sofort ins Inselspital kommen. Am Samstagabend war dort noch ein Professor. Er sah, dass ich einen Tumor auf der Bauchspeicheldrüse habe.
Rebekka Haefeli: Aber Toni K. hatte Glück im Unglück. Man fand bei ihm keine Metastasen. Bei ihm war der Tumor am Kopf der Bauchspeicheldrüse. Die Bauchspeicheldrüse ist ein 15- bis 20 cm langes Organ, das in Kopf, Körper und Schwanz unterteilt wird. Sie ist wichtig für die Verdauung und den Zuckerstoffwechsel. Bauchspeicheldrüsenkrebs wird häufig erst spät entdeckt. Das hat damit zu tun, dass man lange keine Symptome spürt, sagt Ärztin Anna Wenning.
Anna Wenning: Es ist tatsächlich immer noch so, dass bei einem Grossteil der Menschen Pankreaskrebs, also Bauchspeicheldrüsenkrebs, zu spät gefunden wird. Man sagt, etwa 75–80 % der Patientinnen und Patienten haben in der Tat entweder ein Tumorstadium, wo der Tumor in der Bauchspeicheldrüse schon relativ weit fortgeschritten ist, oder wo man schon Ableger findet, also Metastasen, z.B. in der Leber.
Rebekka Haefeli: In der Regel bekommen Patientinnen und Patienten zusätzlich zu einer Operation auch eine Chemotherapie. Wenn ein Tumor, wie bei Toni K., am Kopf der Bauchspeicheldrüse sitzt, nimmt man entweder einen Teil des Organs weg oder auch die ganze Bauchspeicheldrüse. So oder so ist das aber eine grosse, mehrstündige Operation.
Anna Wenning: Das ist eine Operation, die können wir in vier Stunden machen, wir können aber auch mal acht Stunden brauchen. Typischerweise sagen wir so sechs, sieben Stunden, so in dieser Dimension.
Rebekka Haefeli: Weil so eine Operation immer mit Risiken verbunden ist, ist man ständig dran, die Methoden und Technik zu optimieren. Genau darum geht es im Forschungsprojekt von Anna Wenning, das von der Stiftung Krebsforschung Schweiz unterstützt wird. Im Fokus steht die Frage, ob man bei einem Tumor am Bauchspeicheldrüsenkopf nur einen Teil des Organs rausnimmt oder gerade alles.
Anna Wenning: Es gibt viele Situationen, in denen man einen Teil der Bauchspeicheldrüse drin lassen kann und diese Bauchspeicheldrüse sicher nähen kann. Es gibt aber Situationen, in denen die Naht der Bauchspeicheldrüse schwierig ist. Das kann dazu führen, dass es nach einer Operation eine Art Leck an dieser Naht der Bauchspeicheldrüse gibt und dadurch Bauchspeicheldrüsensaft austreten kann.
Rebekka Haefeli: Der Saft ist aggressiv und so ein Leck an der Naht, eine sog. Fistel, kann zu Infektionen und Blutungen führen. Bei Toni K. hat man zuerst nur den Tumor mit einem Teil der Bauchspeicheldrüse weggenommen. Dann kam es bei ihm aber genau zu so einer Fistel. Die Naht ist undicht.
Toni K.: Fünf, sechs Tage später, als ich natürlich noch im Inselspital war, ist auf der rechten Seite, wo ein Röhrchen war, das aus dem Bauch kommt., eine Flüssigkeit ausgelaufen, die schleimig war. Links kam auch ein Röhrchen raus, links war aber eine gute Flüssigkeit. Dann bekam ich auf einmal einen Stich im Bauch. Das war eines der Male, an denen ich geklingelt habe.
Rebekka Haefeli: Er hat geklingelt und das Pflege- und Ärzteteam hat blitzartig reagiert. Toni K. wurde in einer Notoperation auch noch der Rest der Bauchspeicheldrüse entfernt.
Anna Wenning: Genau, es war genauso ein Leck von der Naht der Bauchspeicheldrüse.
Wir haben dann gesehen, dass die restliche Bauchspeicheldrüse so eine Entzündung entwickelt hatte, dass sie nicht heilen konnte. Dann haben wir sie rausgeholt.
Rebekka Haefeli: Im Rahmen dieser aktuellen Studie möchten Spezialistin Anna Wenning und ihr Forschungsteam herausfinden, was bei welchem Patienten und bei welcher Patientin die beste Operationsstrategie ist. Der weltweite Standard in so einem Fall, wie bei Toni K., mit einem Tumor auf dem Bauchspeicheldrüsenkopf, ist heute noch eine Teilentfernung.
Anna Wenning: Genau, das ist so in den Leitlinien der Gesellschaften für Onkologie, dass man sagt, man nimmt den Tumor heraus mit dem betroffenen Teil der Bauchspeicheldrüse
und lässt einen Teil drin. Wir zweifeln im Grunde den heutigen Standard an. Aus unserer Erfahrung, aus dem klinischen Alltag, wissen wir, es gibt Nähte an der Bauchspeicheldrüse,
von denen wir mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, dass sie lecken werden. Das sind die Patientinnen und Patienten, wo wir nicht mehr gut dahinterstehen können,
so eine Naht zu machen. Chirurgen und Chirurginnen in Europa und Amerika sind dazu übergegangen, das schon anzupassen, aber ohne, dass wir gute Studien dazu haben.
Rebekka Haefeli: Das alles muss man unter dem Aspekt des medizinischen Fortschritts sehen. Ärztin Anna Wenning sagt, heute sei ein Leben ohne Bauchspeicheldrüse möglich. Allerdings muss man ihre Hauptfunktionen ersetzen: Die Produktion von Enzymen, die bei der Verdauung helfen, und das Insulin, das den Zuckerstoffwechsel regelt.
Anna Wenning: Man kann die Enzymproduktion mit Tabletten ersetzen, die man zum Essen nimmt. Und die Insulinproduktion kann man ersetzen mit einem kontinuierlichen Glukosemessgerät - einem Sensor -, und einer Insulinpumpe, die automatisch Insulin abgibt. Das sind die Erneuerungen der letzten sechs bis acht Jahre. Ich glaube, die Generation vor mir, die Chirurginnen und Chirurgen, die wären nie auf die Idee gekommen, die Bauchspeicheldrüse rauszunehmen, weil die noch Patientinnen und Patienten gesehen haben mit einer ganz schlechten Lebensqualität. Der Diabetes, der daraus resultiert, war ganz schwer einzustellen. Die Patientinnen und Patienten konnten sich gar nicht mehr normal bewegen draussen, nicht mehr normal essen, mussten auf alles genau achten die ganze Zeit. Heute, mit den Massnahmen, die wir haben, ist unsere Schwelle tiefer geworden, die Bauchspeicheldrüse rauszunehmen, weil wir wissen, dass Patientinnen und Patienten eine gute Lebensqualität erreichen können.
Rebekka Haefeli: Es fehlen also noch Daten, die zeigen, in welchem Fall welche Operation die beste ist.
Anna Wenning: Wir messen verschiedenes nach der Operation. Wir dokumentieren, ob es Komplikationen gegeben hat. Hat der Patient oder die Patientin z.B. noch einmal Antibiotika gebraucht wegen einem Wundinfekt? Hat er oder sie sogar noch einmal eine Reoperation gebraucht? Wie lange war die Zeit im Spital? Wie lange war die Zeit, bis die Chemotherapie gestartet hat? Wie viel Prozent der Patientinnen und Patienten haben Chemotherapie vollständig erhalten? Unser Hauptziel der Studie ist, zu messen, welche Operation mit den möglichen Konsequenzen zu einer höheren Lebenserwartung führt. D.h., mit welcher Operation generiert man vielleicht Monate oder Jahre mehr Überleben, ohne dass der Tumor wiederkommt.
Rebekka Haefeli: Wichtig ist aber auch, es geht in dieser Studie nicht nur um Lebenszeit, sondern auch um Lebensqualität. Diese wird mit Fragebögen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhoben.
Anna Wenning: Selbst wenn wir eine perfekte Operation machen, wenn Patientinnen und Patienten die Chemo anschliessend perfekt vertragen, sitzt nicht jede Patientin oder jeder Patient so wie Herr K. hier bei uns. Trotzdem kann in einigen Fällen der Tumor wiederkommen. Deswegen haben wir immer gesagt, es muss parallel die Lebensqualität stimmen.
Rebekka Haefeli: Toni K. hat sich nach dieser Notoperation in der Rehabilitation gut erholt. Nachher machte er eine Chemotherapie, die er ziemlich gut vertrug. Und heute,
ein paar Jahre nach der Diagnose, kann er wieder das machen, was er gerne macht.
Toni K.: Ich kann spazieren gehen, ich kann Ski fahren. Nichts Verrücktes, aber ich lebe einfach damit.
