Wenn Krebs ohne Risiko kommt: Zungenkrebs bei jungen Menschen

Krebs im AllgemeinenPodcast: Wissen gegen Krebs
Patrick Bergsma und Barbara Fountain
29. April 2026

Mit 32 trifft Barbara eine unerwartete Diagnose: Zungenkrebs – geraucht hat sie aber nie. In dieser Podcast-Folge berichtet sie von ihrem Weg, und ein Forscher ordnet die Entwicklung ein.

Rebekka Haefeli: Wer raucht, ist sich in der Regel bewusst, dass er gewisse Risiken eingeht. Das Risiko für Lungenkrebs ist höher und auch das Risiko für einen Mundhöhlenkrebs, z.B. ein Krebs an der Zunge, wird durch das Rauchen grösser. Barbara Fountain hat nicht geraucht und war trotzdem mit 32 mit der Diagnose Zungenkrebs konfrontiert.  

Barbara Fountain: Normalerweise hat man mit 32 Jahren relativ wenig am Hut mit dem Tod.  Das hat sich jetzt für mich komplett geändert. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain hatte gerade ihr eigenes Event-Unternehmen gegründet, war frisch verlobt und bereit, im Leben durchzustarten.  Die Diagnose Zungenkrebs war ein tiefer Einschnitt.  So wie ihr geht es auch anderen jungen Menschen und vielen jungen Frauen, wie Patrick Bergsma sagt. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Spezialist am Inselspital in Bern und forscht zu diesem Thema.  

Patrick Bergsma: Bei Mundhöhlenkrebs hat man eine Entwicklung gesehen, dass man bei jungen Menschen, v.a. jungen Frauen, eine Zunahme dieses Krebses feststellen konnte. Das ist unabhängig von den gängigen Risikofaktoren wie Alkohol und Tabakkonsum. 

Rebekka Haefeli: In dieser Folge von «Wissen gegen Krebs», einem Podcast der Stiftung Krebsforschung Schweiz, bin ich mit Barbara Fountain beim Arzt Patrick Bergsma. Sie lebt seit vielen Jahren in England und ist gerade in den Ferien in der Schweiz, bei den Eltern im Kanton Nidwalden, wo sie aufgewachsen ist. Ich bin Rebekka Haefeli. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain war also etwas über 30, als sie Ende 2018 die Diagnose «Zungenkrebs» erhalten hat. Angefangen hat alles, wie sie damals noch meinte, ganz harmlos, mit einem Bläschen auf der Zunge, das einfach nicht wegging.  

Barbara Fountain: Ich ging zu meinem Zahnarzt, der das angeschaut hat. Er dachte, dass es mit den Zähnen vielleicht etwas treibt. Er raspelte etwas ab, schickte mich wieder nach Hause und sagte, dass ich in zwei Wochen wiederkommen soll. Ich kam wieder und er schaute es nochmals an und dachte, dass etwas immer noch nicht stimmt. Dann ging es noch zwei, drei Mal so. Am Schluss entschuldigte er sich sehr und sagte, es tut mir so leid, ich muss dich jetzt ins Spital schicken, nur im Fall der Fälle, aber er habe keine Angst, es sei sicher alles okay.  

Rebekka Haefeli: Im Spital in England hat man eine Biopsie gemacht, eine Gewebeprobe. Barbara Fountain war noch überhaupt nicht alarmiert.  

Barbara Fountain: Während der Biopsie hat sogar die Person, die die Biopsie gemacht hat, gesagt, es sei sicher kein Krebs. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich lag dort und es war das erste Mal, dass ich das Wort Krebs gehört habe. Ich dachte nur, das sei auch noch gut. Ich habe dann gar nicht mehr daran gedacht. Es hat einfach sehr weh getan. 

Rebekka Haefeli: Ein paar Tage später ist sie dann zur Besprechung des Resultats wieder ins Spital. Sechs oder sieben Ärzte hätten sie und ihren Mann im Sprechzimmer erwartet, erzählt sie. Da hätte sie schon gedacht, es stimme etwas nicht. Ein Arzt hat das Wort ergriffen. 

Barbara Fountain: Dann hat er gesagt, es sei gut, dass ich gekommen sei, denn ich hätte Krebs. Für uns war es ein riesiger Schock, weil ich nicht einmal realisierte, dass es Zungenkrebs gibt. Zweitens haben wir nicht mit Krebs gerechnet. Mit 32 Jahren erwartet man das einfach nicht. 

Rebekka Haefeli: Bei Zungenkrebs denkt man, wenn man überhaupt schon einmal davon gehört hat, wahrscheinlich eher an ältere Männer mit Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum. Tatsächlich aber sind immer mehr Junge betroffen, unabhängig von einem Risikoverhalten. Das beobachtet man in der Schweiz und auch in anderen Ländern. In der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 1200 Menschen an einem Mundhöhlenkrebs, wo auch Zungenkrebs dazugehört. Das macht knapp drei Prozent aller Krebserkrankungen aus. 

Patrick Bergsma: Klar, die Häufigkeit ist natürlich nicht zu vergleichen mit Lungenkrebs, mit Brustkrebs. Trotzdem gibt es weltweit fast eine halbe Million Menschen, die jährlich mit Mundhöhlenkrebs diagnostiziert werden. 

Rebekka Haefeli: Für den Arzt Patrick Bergsma ist klar, das Alter bei der Diagnose spielt eine wesentliche Rolle. Je früher im Leben man so eine Diagnose bekommt, desto einschneidender ist es. 

Patrick Bergsma: Einfach auch rein von der Lebenserwartung her, die man noch hat. Und dann steht man natürlich mitten im Leben, ist im Beruf, in der Familie usw. Dann ist die Auswirkung noch mal schlimmer. Und wenn man dann die Therapie macht, hat man gewisse Folgen. Dass es mit dem Reden nicht mehr so gut geht, dass es mit dem Schlucken nicht mehr so gut geht. Aber man ist immer noch in einem Alter, in dem man im Berufsleben ist, wo man voll funktionieren muss. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain sieht das gleich, aus eigener Erfahrung.  

Barbara Fountain: 32 Jahre alt, frisch verlobt. Ich hatte meine eigene Firma. Dann ist der Krebs passiert. Erstens war die finanzielle Krise sehr gross. Von einem auf den nächsten Tag hatte ich kein Einkommen mehr, weil ich selbstständig war. Wir wollten noch ein Haus kaufen, aber, weil ich Krebs hatte, bekomme ich keine Hypothek. Zusätzlich musste ich meinen Beruf verlassen, weil mein Körper nicht mehr damit umgehen konnte. Später wurde ich auch mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom diagnostiziert. Ich musste eigentlich mein Leben umdenken. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain wurde zwölf Stunden lang operiert. 

Barbara Fountain: Man hat eine Viertel der Zunge entfernt, die mit meinem Arm rekonstruiert wurde. Und man hat auch Lymphknoten entfernt. 

Rebekka Haefeli: Und obwohl man ihr vor der Operation sagte, sie werde nachher sicher einen Sprachfehler haben, kam zum Glück alles wieder gut. Was man ihr heute noch ansieht, ist eine Narbe am Hals und eine am linken Unterarm. Sie selbst hat in Absprache mit dem Ärzteteam auf eine anschliessende Behandlung verzichtet. Das macht man häufig, um allfällige Krebszellen, die nach der Operation noch da sind, zu vernichten. Der Verzicht auf die Bestrahlung, oder wie man auch sagt, eine Radiotherapie, musste sich Barbara Fountain gut überlegen. 

Barbara Fountain: Ich habe keine Kinder, ich bin noch jung und habe mich entschieden, dass ich bis jetzt ein relativ gutes Leben gelebt habe und dass ich das Risiko aufnehme, keine Radiotherapie zu haben. Aber wäre das in zwei Lymphknoten drin gewesen, hätte man ganz sicher eine Radiotherapie gemacht. 

Rebekka Haefeli: Sie hat sich gut erholt und ist bis heute krebsfrei. Sie sagt aber, sie habe sich vor allem am Anfang isoliert und mit ihrer Diagnose allein gefühlt. Darum hat sie die Initiative ergriffen und eine internationale Organisation gegründet. 

Barbara Fountain: Wir heissen Young Tongues, also junge Zungen übersetzt. Wir haben jetzt über 1000 Patienten weltweit in unserer Gemeinschaft. Am Tag gibt es durchschnittlich 20 Posts und Comments, bei denen Leute nachfragen, wie geht ihr damit oder mit dem um, oder vielleicht einfach mal sich beschweren. Dass man sich bei Leuten beschweren kann, die es auch verstehen, das ist dann auch sehr hilfreich. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain sagt, eigentlich wollte sie sich ja nur vernetzen und habe dann aber realisiert, wie viel Glück sie persönlich hat. Sie könne problemlos reden, essen und schlucken. Ein Privileg, das viele andere, auch junge Patientinnen und Patienten, nicht haben. Vorallem die Bestrahlung hat zum Teil dramatische Folgen. 

Barbara Fountain: Zum Beispiel hat man dann Zahnverlust. Oder das Zahnfleisch geht zurück. Man kann auch Probleme mit den Lymphen im Halsbereich bekommen, dass es aufschwellt. Es gibt auch Probleme mit dem Knochen, dass sich der Knochen verkleinert, abreibt und dann bricht es. Das heisst, dass man nicht unbedingt Zahnimplantate haben kann. Der Operationsverdau ist eigentlich am einfachsten. Es ist mehr die Bestrahlung und andere Therapien, die mehr Schaden machen. 

Rebekka Haefeli: Warum erkranken weltweit immer mehr junge Nichtraucherinnen und Nichtraucher am Mundhöhlenkrebs? Genau darüber will der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Patrick Bergsma, der als Oberarzt am Inselspital Bern arbeitet, mehr wissen. Im Jahr 2022 reiste er mit einem Forschungsstipendium nach Australien und forschte dort in Sydney an einem renommierten Institut. Sein Stipendium wurde von der Stiftung Krebsforschung Schweiz finanziert. Patrick Bergsma erklärt, Mundhöhlenkrebs umfasse ganz verschiedene Krebsarten. 

Patrick Bergsma: Die Zunge gehört dazu, der Mundboden, der harte Gaumen und die ganze Schleimhaut vor den Zähnen und das Zahnfleisch. 

Rebekka Haefeli: Wenn man es operieren kann, dann macht man das, sagt Patrick Bergsma. 

Patrick Bergsma: Danach entscheidet man anhand der Grösse des Tumors, also wie tief er ins Gewebe einwächst und ein paar weitere Faktoren, die man unter dem Mikroskop feststellen kann. Und natürlich auch, wann und wie viele Lymphknoten-Ableger vorhanden sind. Anhand dieser Faktoren entscheidet man, ob es eine Bestrahlung braucht oder sogar eine Kombination von Bestrahlung und Systemtherapie. 

Rebekka Haefeli: Eine Systemtherapie ist eine Behandlung, in der die Wirkstoffe im ganzen Körper verteilt werden, um alle Tumorzellen und auch Metastasen zu erreichen. Dazu gehören Chemotherapien. Während seines zweijährigen Forschungsaufenthalts in Australien hat Patrick Bergsma an einem bestimmten Projekt gearbeitet. Im Rahmen dieses Projekts hat er vor allem Tumorgewebe von jüngeren Betroffenen mit Mundhöhlenkrebs untersucht. 

Patrick Bergsma: Wenn die Patientinnen und Patienten operiert wurden, hat man ein Teil des Tumorgewebes weggenommen und hat es für die Forschung gebraucht. Und hat dort das ganze genetische Material, also die ganze DNA, angeschaut. Man hat geschaut, welche Mutationen, also genetische Veränderungen, es dort gibt. Als Zweites haben wir von diesem Tumorgewebe ein Tumormodell gemacht. 

Rebekka Haefeli: Aus dem herausgeschnittenen Tumorgewebe entnimmt man Zellen, die man züchtet und vermehrt. Im Labor kann man an diesen sogenannten Modellen bestimmte Medikamente testen. Und man hat die Eigenschaften des Tumorgewebes von jüngeren Patientinnen und Patienten ganz präzise untersucht. 

Patrick Bergsma: Was wir bei vielen jungen Patientinnen und Patienten gesehen haben, vor allem Frauen, es gab aber auch Männer, ist, dass das Tumorstützgerüst dichter gepackt ist. Der Tumor, muss man sich vorstellen, sind nicht nur Krebszellen nebeneinander, sondern sie sind in einem Gerüst. Und was wir dann auch gesehen haben, dass bei den Patientinnen und Patienten, die ein dichteres Stützgerüst hatten, und mehr von diesen Fasern hatten, ist nach der Therapie der Tumor schneller wieder zurückgekommen und hatten ein schlechteres Überleben. 

Rebekka Haefeli: Mit einem Medikament hat man vielversprechende Resultate erreicht. Das Mittel hat das Bindegewebe in den Tumoren beeinflusst. In Versuchen mit Mäusen hat das dazu geführt, dass die Tumore empfindlicher auf Behandlungen reagiert haben. 

Patrick Bergsma: Die Theorie dahinter ist eigentlich, dass, wenn das Stützgerüst ganz eng gepackt ist und sich ganz fest zusammenzieht, dann können Therapien, also medikamentöse Therapien, weniger gut wirken. Und auch hat es im Zentrum des Tumors ganz wenig Sauerstoff. Und das weiss man, dass das ein Hauptgrund ist, weshalb Bestrahlung nicht gut wirken kann. 

Rebekka Haefeli: Dieser wichtige Ansatz wird jetzt weiterverfolgt. Und auch an anderen Projekten wird weltweit weitergeforscht. Patrick Bergsma ist zurück in der Schweiz, sagt aber, das Forschungsstipendium sei für ihn unheimlich wichtig gewesen. 

Patrick Bergsma: Ich habe eine ganz andere Perspektive auf das Ganze bekommen. Im Spital sieht man ganz viele Patientinnen und Patienten mit Karzinom. Und was es für die Patientinnen und Patienten bedeutet, wie die Behandlung abläuft. Aber diese zwei Jahre waren nochmals ein Reinzoomen. Ich konnte die Tumorzellen unter dem Mikroskop anschauen. Ich konnte schauen, was gewisse Medikamente direkt für einen Einfluss auf die Krebszellen haben. Dadurch bekommt man ein ganz anderes Gefühl. Im Spital sieht man oft die einzelnen Schicksale, die einzelnen Patientinnen und Patienten. Und natürlich in der Forschung schaut man sich das noch etwas mehr als das grosse Ganze an. 

Rebekka Haefeli: Mich beschäftigt jetzt aber noch eine Frage. Wann also soll man mit einem Bläschen im Mund, wie es Barbara Fountain hatte, zum Doktor? 

Patrick Bergsma: Man hat ja hin und wieder etwas im Mund. Aber in der Regel geht alles, was nicht bösartig ist, oder das meiste, wieder weg. Aber wenn etwas, auch eine Wunde, einfach nicht heilt, lohnt es sich im Zweifel, dass man das mal zeigt und dass das abgeklärt wird. 

Rebekka Haefeli: Barbara Fountain bleibt zuversichtlich. Was ihre eigene Gesundheit angeht, aber auch für alle anderen, die betroffen sind. Die Forschung, sagt sie, mache wichtige Fortschritte. 

Barbara Fountain: Jetzt haben wir ganz, ganz viele neue Studien. Mit neuen Therapien, verschiedensten Chemos und auch Immuntherapien. Und das wirklich Schöne ist, dass wir jetzt Patientinnen und Patienten haben, die schon ein, fast zwei Jahre dran sind und sie immer noch hier sind. Und zwar nicht nur noch hier, sondern auch mit relativ guter Lebensqualität. 

Die Geschichte von Barbara Fountain

Barbara Fountain war 32 Jahre alt, als sie die Diagnose Zungenkrebs erhielt. Sie hatte gerade ihr eigenes Unternehmen gegründet, war frisch verlobt und mitten im Leben. Angefangen hatte alles mit einem kleinen Bläschen auf der Zunge, das einfach nicht abheilte. Mehrere Abklärungen später kam die Diagnose – völlig unerwartet. 

Die Behandlung war einschneidend: In einer langen Operation wurde ein Teil ihrer Zunge entfernt und rekonstruiert. Heute ist sie krebsfrei und kann wieder sprechen, essen und ihren Alltag gestalten. Dennoch hat die Krankheit ihr Leben stark verändert – gesundheitlich, beruflich und persönlich. 

Aus ihrer Erfahrung heraus gründete sie die Organisation «Young Tongues», um Betroffene weltweit zu vernetzen. Der Austausch hilft vielen, sich weniger allein zu fühlen und mit den Folgen der Erkrankung umzugehen. 

 

Forschung zu Zungenkrebs bei jungen Menschen 

Immer mehr junge Menschen erkranken an Mundhöhlenkrebs – oft ohne bekannte Risikofaktoren. Diesem Phänomen ging der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Patrick Bergsma vom Inselspital Bern nach. 

In seinem Forschungsstipendium analysierte er Tumorgewebe von jüngeren Patientinnen und Patienten und entwickelte Modelle, um neue Therapien. zu testen. Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Bei vielen jungen Patientinnen und Patienten ist das Stützgewebe der Tumoren besonders dicht. Diese Struktur erschwert es Therapien, in den Tumor einzudringen – und könnte erklären, warum der Krebs bei ihnen manchmal schneller zurückkehrt. 

Ein Medikament, das dieses Bindegewebe beeinflusst, zeigte in ersten Versuchen vielversprechende Resultate: Tumoren reagierten empfindlicher auf Behandlungen. Dieser Ansatz wird nun weiter erforscht – in der Hoffnung, künftig gezieltere und wirksamere Therapien anbieten zu können. 

 

Mehr zum Projekt «Er hat sich im Labor ein vertieftes Krankheitsverständnis angeeignet»