Wenn Tumorzellen jahrelang schlafen

Dank eines Stipendiums der Stiftung Krebsforschung Schweiz untersucht eine Ärztin, warum Tumorzellen beim Aderhautmelanom ruhen – und plötzlich wieder aktiv werden.

«Mich lässt nicht los, dass Metastasen auch Jahrzehnte nach einer scheinbar erfolgreichen Therapie wieder auftauchen können.» Damit beschreibt Paulina Köhler, wo ihr Augenmerk im Projekt zum Aderhautmelanom liegt. «Das Aderhautmelanom ist selten, aber hochaggressiv. Im metastasierten Stadium haben Betroffene nur wenige therapeutische Möglichkeiten.»

Paulina Köhler (links)

Ein seltener Tumor mit schwerem Verlauf
Das Aderhautmelanom entsteht in der mittleren Augenhaut. In der Schweiz sind nur wenige Menschen pro Jahr betroffen, doch die Folgen können gravierend sein. Besonders heimtückisch ist der Krankheitsverlauf: Auch nach einer zunächst erfolgreichen Therapie kann der Krebs zurückkehren. «Die Erkrankung verläuft im metastasierten Stadium bei vielen fatal», so die Forscherin. Besonders fasziniert die Wissenschaftlerin, dass Metastasen oft erst sehr spät auftreten – manchmal Jahrzehnte nach der Erstbehandlung.

Warum Krebs manchmal wartet
Im Zentrum ihrer Forschung steht deshalb das Phänomen der Dormanz. «Dormanz beschreibt einen Ruhezustand von Tumorzellen, in dem sie über lange Zeit im Körper ruhen können – mit geringer metabolischer Aktivität und ohne Teilung oder Tumorwachstum», erklärt sie. Diese ruhenden Zellen entziehen sich häufig der Therapie und können später wieder aktiv werden. «Ich untersuche, welche molekularen Programme Tumorzellen in diesen Ruhezustand versetzen oder dort halten und wie sie sich von aktiv metastasierenden Zellen unterscheiden.»

Ziel des Projekts ist es, «die zentralen Mechanismen zu identifizieren, die Tumorzellen in der Dormanz stabilisieren oder ihre spätere Reaktivierung auslösen». Dafür analysiert Köhler Einzelzell- und Genexpressionsdaten aus Patientenproben sowie aus einem passenden Mausmodell. So lassen sich wichtige Signalwege und mögliche Marker erkennen.

Für ihr Projekt zieht sie zwei Jahre nach Boston. «Boston gehört weltweit zu den führenden Standorten für Krebsforschung», sagt Köhler. Die enge Verbindung von Klinik und Forschung sowie hochspezialisierte Labore schaffen ideale Bedingungen, um die Biologie dieses Tumors besser zu verstehen. 

Text: Danica Gröhlich, Fotos: Thomas Oehrli (visualcraft.ch) 

KFS-6363-02-2025